Melbourne, Australien, morgens um halb vier. Ich sitze vor einem Teller Pasta auf dem Sofa. Schlafend.
Jäh schrecke ich auf. Begeistert: "Oh Pasta!!" Eine Gabel mit Spaghetti Carbonara wandert Richtung Mund, als mein Kopf schon wieder zur Seite sinkt und meine Augen zufallen.
Kurz darauf erwache ich wiederum. Mit leuchtenden Augen: "Oh, Pasta!!" Zwei Gabeln Nudeln versuchen verzweifelt, den knurrenden Magen zu beruhigen, doch schon sinkt die Hand wieder langsam herunter, statt die Nudeln am Bestimmungsort abzuliefern. Der Kopf fällt zur Seite.
Wenig später: "Oh, Pasta!!" ...und von vorne...
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Das Unheil beginnt im Oktober letztens Jahres mit dem klassischen Kampf Arbeit vs. Vergnügen. Während Arbeit schon von Anfang an Präsenz zeigt, hat Vergnügen doch einige starke Momente und kann - wie im Blog nachzulesen - speziell an den Wochenenden regelmäßig punkten.
Um Weihnachten herum gewinnt Vergnügen in Fiji dann eindeutig die Oberhand, verschläft jedoch den Beginn des neuen Jahres und verliert nun gegenüber Arbeit zunehmend an Terrain. Arbeit wildert mehr und mehr im wohlverdienten Feierabend während Vergnügen unbeholfen versucht, die Angriffe abzuwehren.
In einem letzten, verzweifelten Aufbäumen kann Vergnügen durch die Schützenhilfe in Form des Besuches von Judith und Linda dann doch noch einzelne Tage und Wochenenden an sich reißen - Mitte Februar kapituliert Vergnügen dann aber, von ein paar letzten Zuckungen abgesehen, vollends.
Arbeit verschlingt Wochenenden, Abende und Nächte und nagt alles bis zum absoluten Existenzminimum herunter ab. Traurige Überreste des Massakers sind, wenn überhaupt, drei bis vier Stunden Schlaf sowie eine Eine-Mahlzeit-pro-Tag-Diät, die vom Pizzaservice angeboten wird. Rest in Peace, Vergnügen!
Wie immer ist die Schuld beim Autor zu suchen.
Mein ursprüngliches Projekt besteht eigentlich nur darin, den Sidepod des aktuellen Rennwagens in CFD zu optimieren. Sidepod? CFD?
Ich sehe schon die ersten Leser abschalten – wovon zum Teufel labert er den nun schon wieder? Um die Verwirrung in Grenzen zu halten, werde ich meine Arbeit möglichst nicht-technisch erklären – anhand des Kuchenbackens.
Denkt euch, ein Sidepod ist ein Kuchen. Meine Aufgabe besteht also darin, diesen Kuchen virtuell (= am Computer) zu optimieren. „Optimieren“ heißt in diesem Falle – Wie schmeckt es, wenn ich dem Teig 5g mehr Mehl zufüge? Wie, wenn ich 2g Zucker weglasse?
(Optimierung hinsichtlich cW und cA, minimale Änderungen der Ein- und Auslassposition sowie der jeweiligen Querschnittsgrößen.)

Da das diesjährige RMIT Rennteam aber vor Innovationsfreude nur so sprüht und sich bewusst vom konservativen Ansatz der letzten Jahre abheben will, passe auch ich mein Projekt gerne dementsprechend an. An dieser Stelle pocht es gegen meine Schädeldecke: „Tu es niiiiicht! Spare dir die Arbeit!!!!“.
Die neuen Leitfragen sind viel offener gestaltet – was passiert, wenn ich Marzipan in den Teig mische? Würden Korinthen den Geschmack verfeinern? Muss es überhaupt ein Marmorkuchen sein oder könnte ich auch eine Schwarzwälderkirschtorte backen?
(Ausnutzung des Venturieffekts durch Flügelform/Diffusor, Reduzierung der turbulenten Ablösungen der Radaufhängung durch Umleitung des Luftstroms nach oben/unten/seitlich/diagonal, Reduzierung des Hinterradluftwiderstandes durch partielle Abschirmung, Erhöhung des Abtriebs durch Impulsänderung des Luftstroms nach oben, Minimierung des Vena Contracta Effekts durch inneren Führungskanal etc.)
Jeder Entwurf durchläuft einen festen Beurteilungsprozess:
1. Alle virtuellen Zutaten zu einem virtuellen Teig mischen
(CAD, Meshing, CFD Pre Processing)
2. Virtuellen Kuchen für zwei Tage in den virtuellen Ofen schieben
(CFD Solving)
3. Probieren - Schmeckt der virtuelle Kuchen?
(CFD Post Processing)
In meinem Fall fällt das Probieren sehr farbenfroh aus...
Am längsten dauert es, das Grundrezept für den Teig richtig hinzubekommen. Sobald dies gelungen ist, kann es losgehen – knapp fünfzig verschiedene Kuchen werden gebacken. Manche schmecken besser, manche schlechter, aber am Ende steht ein Sieger fest.

An diesem Punkt rümpft die Wissenschaft dann regelmäßig die Nase und meint: „Moment, Moment! Dass dein virtueller Kuchen schmeckt heißt noch lange nicht, dass das Rezept auch in der Realität funktioniert!“
Was also bleibt anderes übrig, als einen realen Kuchen aus realen Zutaten
(Prototyp) in einem realen Ofen
(Windkanal) zu backen. Leichter gesagt als getan – die Zutaten sind teuer, den Teig zu kneten ist ein immenser Aufwand und der reale Backofen kostet - zumindest in Stuttgart - mehrere tausend Euro pro Stunde.
Mein Professor ist längst zufrieden und somit wäre meine Arbeit eigentlich beendet. Aber – in Deutschland hätte ich nie im Leben die Chance, einen Backofen zu benutzen. Deshalb nörgle ich so lange herum, bis ich den Backofen für eine Woche zur Verfügung gestellt bekomme, obwohl ich extra deshalb meinen Flug verschieben muss. An dieser Stelle pocht ein kleiner Vorschlaghammer gegen meine Schädeldecke: „Tu es niiiiiiiiiiiiicht! Bist du des Wahnsinns?!?!!“.
Und die Arbeit beginnt… Es dauert anderthalb Wochen, bis ich die Zutaten für den Teig zusammengekauft habe. Auch das Kneten des Teiges dauert wesentlich länger als erwartet und ist von diversen Rückschlägen gekennzeichnet.
Aber dann naht die letzte Woche… Backofenzeit!
Vor allem hier wird dann zwar Schlaf extreme Mangelware (notfalls auch auf dem Windkanalboden), wird aber mit einem hohen Spaßfaktor belohnt. Im Backofen kann man nämlich mit Rauch zündeln…
…mit fluoreszierenden Wollfäden spielen…
…und schöne Muster zeichnen lassen…
…nur Fliegen ist schöner!
Man könnte also sagen – selbst schuld, wenn Arbeit am Ende obsiegt. Für die Woche im Windkanal hat sich der wochenlange Verzicht auf jegliches Vergnügen jedoch mehr als gelohnt - zumal Arbeit für die kommenden sechs Wochen auf unserer Australienreise komplett abgeschrieben und mit 100% purem Vergnügen ersetzt wird…