Sonntag, 15. November 2009

Surfen

Das Leben in Australien als Langzeit-Tourist hat längst nicht nur angenehme Seiten. Von den Erfahrungen anderer angestachelt spürt man ständig einen enormen Druck auf sich, möglichst viel Sightseeing zu machen, möglichst viele australische Tiere zu streicheln und dabei auch noch möglichst viele Fotos zu machen. Andererseits will man aber nicht als Tourist abgestempelt werden, der überall nur seine Kamera zückt, ein paar Fotos schießt und wieder verschwindet - dabei aber vom eigentlichen Leben vor Ort gar nichts mitbekommt.*
Zwar kommt einem beispielsweise der Verzehr von Känguruhfleisch wie eine erzählenswerte intensive australische Erfahrung vor; von den meisten Aussis wird man deswegen aber nur belächelt, weil diese das Känguruhfleisch generell verschmähen.

Es gibt jedoch auch Aktivitäten, mit denen sich beide Seiten vereinen lassen, unter anderem das Surfen. Zwar surft längst nicht jeder (genauer betrachtet weder meine Mitbewohnerinnen, noch meine Studienkollegen), aber das Klischee des Australiers, der den ganzen Tag nur am Strand liegt und surft, hat dennoch Bestand und ist teilweise sicherlich gerechtfertigt.

Um also sowohl einen neuen Aspekt des australischen Lifestyles kennen zu lernen, als auch ein paar Fotos von etwas typisch Australischem nach Hause zu bringen, musste ich früher oder später mal surfen gehen.
Eigentlich wollte ich es um jeden Preis vermeiden, für unnötige sportliche Aktivitäten mein hart verdientes Geld zu verschwenden - wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich in dieser Hinsicht kompromisslos geizig bin und für "extremere" Sportarten sowieso rein gar nichts übrig habe ;).

Damit man aber zu Hause auch was zu erzählen hat, nimmt man ab und an eben solche finanziell, psychisch und physisch belastenden Aktivitäten schweren Herzens in Kauf.

An diesem Wochenende machte ich mich also auf die lange und beschwerliche Reise nach Torquay, der "Surf Capital" Australiens. Torquay ist zumindest unter Surfern bekannt für den berühmten Bell's Beach, als Heimat der Marken Rip Curl und Quiksilver sowie als Anfang der Great Ocean Road (mehr dazu nächste Woche).
In Ermangelung eines Fahrzeugs verließ ich mich auf die öffentlichen Verkehrsmittel, die die kurze Fahrt zum Beach zu einem dreistündigen Trip aufplusterten. Ankunft in Torquay am Freitagmorgen.

Impressionen.


Torquay, hier die Einkaufsmeile. Anscheinend verdreifacht sich die Bevölkerung der Stadt während der Schulferien.


Hostel mit Teilnahme am leckeren Familienabendessen, seeeeeeehr unterhaltsamen Gästen und einem Laptop, der weder "N" noch "Löschen"-Taste hatte (wie einige von euch wohl bemerkt haben werden).


Einer von Torquays Stränden, der Torquay Surf Beach bei mäßigem Wetter, aber mit weichem Sand und angenehmem Wellengang. Zum Surfen etwas besser ist der danebenliegende Jan Juc (ausgesprochen nicht "Scha Schük", wie der sprachlich gewandte Europäer vermuten könnte, sondern einfach "Dschan Dschak"). Der beste Surfspot weit und breit, aber nicht für blutige Anfänger geeignet, ist der weltberühmte Bell's Beach mit bis zu drei Meter hohen Wellen.


Erste Surfstunde mit anderen Studenten des RMIT und riesigen geschäumten Surfbrettern.

Drei Tage später, nach täglich bis zu sechs Stunden Surfen, einem herben Sonnenbrand trotz Sunblocker, vielen kleinen Blessuren wie aufgeschürften Händen und Füßen, etwa hundert Liter Salzwasser im Magen, schlaffen Armen vom Paddeln, erschöpft und hundemüde - aber mit einem dicken, fetten Grinsen im Gesicht kam ich wieder zu Hause an. Masochismus kann so schön sein!!


*Eine kleine Anekdote dazu von einem schottischen Reisenden, der sich am Wochende über die verschiedenen Arten der Reisenden und deren Verhältnis zueinander ausgelassen hat (O-Ton):

"I like taking tours. I pay for a trip, have a guide pointing out the sights, take pictures, put them on my profile on facebook and then I'm happy. But I hate it when one of those bloody "real travelers" walks up to me and despises me for taking tours. Those dreadlocked bums walk up to me and fucking citicize me for taking tours, for using buses, for not playing the bongos and for not having a real connection to mother earth.
Fuck them, I judge them for being filthy bums relying on their rich English parents to support them while they're just smoking ganja, sleeping under the clear sky, never taking showers and playing the bongos all the fucking time. I judge THEM, they're not supposed to judge me back!!"

Zu deutsch etwa:

"Ich mag organisierte Reisetouren. Ich bezahle dafür, bekomme von einem Reiseführer alles gezeigt, knipse ein paar Fotos, stelle diese auf meinem Facebookprofil online und dann bin ich glücklich. Aber ich hasse es, wenn einer dieser verdammten "wahren Reisenden" auf mich zu kommt und mich dafür verachtet, Reisetouren zu buchen. Diese rastalockigen Penner kommen zu mir und kritisieren mich verdammt nochmal dafür, Touren zu buchen, dafür, Busse zu benutzen, dafür, dass ich keine Trommeln spiele und dafür, dass ich keine echte Verbindung zu Mutter Erde habe.
Scheiß auf diese Typen, ich verachte sie, da sie verdreckte Penner sind, die sich von ihren reichen englischen Eltern aushalten lassen, dauernd Gras zu rauchen, unter freiem Himmel schlafen, sich nie duschen und die ganze verdammte Zeit herumtrommeln. Ich verachte SIE, die sollen mich nicht zurückverachten!!"

Ich denke, die goldene Mitte zwischen diesen beiden Extremen zu suchen ist sicherlich nicht verkehrt ;)

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