Man stelle sich vor, es ist australischer Herbst im Jahre 20.000 vor Christus. Der Wind pfeift einem um die Ohren, der Regen prasselt gegen die Felsen und von der atemberaubenden Aussicht bleibt nichts außer einer Wand aus grauen, nassen Bindfäden, die auf dem Weg vom Himmel zur Erde die Landschaft verschluckten und jegliche Konturen verwischen.
Auch der spärliche Lendenschurz spendet nicht gerade Wärme, aber wenigstens bewahrt die mächtige Felswand des Ngamadjidj Unterschlupfs einen vor dem gröbsten Übel.
Nach stundenlangem Ausharren macht sich der Hunger mehr und mehr bemerkbar und die Kälte kriecht langsam in die Knochen.
Da beginnt der greise Aborigine mit leiser Stimme, eine Geschichte aus der Traumzeit zu erzählen. Während er in einem eigentümlichen Singsang von mythischen Sagengestalten und Ahnengeistern berichtet, kratzt er etwas Ocker vom Boden und mischt ihn mit ein paar Tropfen Regenwasser, das sich in einer kleinen Mulde gesammelt hat. Er verreibt die rötliche Paste zwischen seinen Fingerspitzen und fährt dann wieder und wieder über den rauen Fels, bis sich Strich um Strich Figuren und Bilder von der nackten, kalten Felswand hervorheben.
Andächtig lauschen die Anwesenden, vergessen sind Hunger und Kälte.
So oder so ähnlich kamen wohl die Felszeichnungen zustande, die an abgelegenen Stellen überall in den Grampians zu finden sind. Vielleicht waren es aber auch nur rebellische, urzeitliche Graffitysprayer, die wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums zu Sozialstunden im Stammesaltenheim verdonnert wurden – aber erstere Geschichte gefällt mir persönlich besser.
Während die Grampians früher von Aborigines besiedelt waren, werden sie heute hauptsächlich von Wanderern und Touristen bevölkert. Kein Wunder, bietet der Nationalpark doch laut Prospekt "eine mannigfaltige Auswahl an einheimischen Wildtieren, malerischen Wanderpfaden und atemberaubenden Szenerien."
Da Linda und Judith - beide gerade auf Besuch in Australien - bisher nur die australischen Metropolen Melbourne und Sydney kennengelernt haben, fahren wir zu viert in die Grampians, um etwas australische Natur zu entdecken. Mal sehen, ob der Nationalpark hält, was der Prospekt verspricht...
„Wildtiere“
Davon gibt es jedenfalls jede Menge. Neben vielen Eidechsen…
…und einigen Bartagamen...
…entdecken wir auch eine bronzefarbene Schlange. Statt uns zu beweisen, wie giftig ihr Biss ist, schlängelt sie sich gemütlich davon.
Etwas weniger wild ist die fellige Verwandtschaft. Kängurus lassen sich bereitwillig füttern, auch wenn sie gerade selbst am füttern sind...
...und ein vorwitziges Possum tut sich sichtlich schwer, zwischen Futter und Fütterndem zu unterscheiden.

Linda springt mir kampfbereit zur Seite und hält das Possum mit Hilfe ihrer Kameralinse auf Distanz.
„Malerische Wanderpfade“
1,25 km sind normalerweise eine kurze Strecke. Mit dem Flugzeug fünf Sekunden, mit dem Auto eine knappe Minute und als normaler Fußgänger etwa zehn Minuten.
In den Grampians hingegen bedeuten 1,25 km Wanderpfad schweißtreibende anderthalb Stunden. Schon bald entpuppt der Schwierigkeitsgrad „medium“ seine australische Bedeutung in vollem Umfang.
Dem Pfeil nach bitte dem gemütlichen medium Wanderweg folgen…
…am gähnenden medium Abgrund entlang hangeln…
…zwischen medium Felswänden nach unten klettern…
Selbstverständlich gibt es auch an den schroffsten Felsabbrüchen keinerlei Sicherungen. Daher muss man gewisse personelle Kollateralschäden schon mal in Kauf nehmen, sodass wir am Ende nur zu dritt die gigantische Aussicht von Hollow Mountain genießen können.
A pro pos Aussicht, damit wären wir bei der dritten Versprechung unserer Grampiansbroschüre:
„Atemberaubende Szenerien“
Baumwipfel wie grüne Watteknäuel so weit das Auge reicht an Reeds Lookout.
The Balconies – leider können wir unsere Liegestühle mangels Kletterausrüstung nicht auf den Balkonen aufstellen...
...aber ausruhen kann man sich auch auf seltsamen Steinpilzen.
Die beeindruckenden MacKenzie Wasserfälle…
…vor allem in Relation zu dem winzigen grünen Männchen rechts unten.
Wirklich imposante Szenerien - für manche blutsverwandten Mitreisenden aber „auch nur wieder Felsen und Bäume“. Daher machen wir am letzten Tag noch einen kurzen Abstecher zum Strand nach Torquay, hier Linda beim Initiierungsritual, welches zumindest Judith und mir Spaß macht.
Wenn alle gerade ihre gute Laune ausgepackt haben, ist es sowieso immer sehr lustig - hier das grausame Limettenmonster...
...oder Judith als Sankt Georg, der Drachentöter.
Die Grampiansbroschüre hat jedenfalls alles gehalten, was sie versprochen hat - wenn der Teufel aber auch hier im Detail steckt. Allen nachfolgenden Reisenden können wir die Grampians auf jeden Fall weiterempfehlen - insofern man gegen Campen und Wandern nichts einzuwenden hat und gewisse Abstriche in Sachen Komfort in Kauf nimmt.
Gespannt bin ich auf jeden Fall auf diejenigen, die sich eine Wandertour des Schwierigkeitsgrades "hard" zutrauen - was ist das dann, eine Besteigung des Mount Everest?
Gespannt bin ich auf jeden Fall auf diejenigen, die sich eine Wandertour des Schwierigkeitsgrades "hard" zutrauen - was ist das dann, eine Besteigung des Mount Everest?








Hallo Jony,
AntwortenLöschen"medium" ist für dich zum "warming up" doch gerade recht. Bin mir fast sicher, dass du den Schwierigkeitsgrad "hard" nicht auslässt. Musst einfach noch mehr Frauen bei deinen Touren mitnehmen - dann wird das schon noch!
Peter
Hallo Jonny,
AntwortenLöschenwas würde ich geben für so ein "abenteuerreiches" Fitnessprogramm. Ist doch viel cooler, als im Fitnessstudio auf dem Stepper zu stehen ;)
Aber sieht ja so aus, wie wenn sich euer Durchhaltevermögen gelohnt hat, wenn man die Bilder so anschaut.
LG Esther
P.S. ichauchwill